Valentina

Was Mädchen wollen (Shonen Ai/ Yaoi)

-Die alternative Love Story-

Da wäre zunächst einmal die Andersartigkeit der Liebesgeschichten, die über das gewöhnliche „Junge-trifft-Mädchen“ –Klischee hinausgehen (auch wenn sich inzwischen eigene „Junge trifft Junge“ –Klischees innerhalb des Genres geblieben). Man muss an dieser Stelle erklären, dass Boys´ Love-Mangas nicht direkt etwas mit dem Thema Homosexualität zu tun haben. Obwohl die Liebenden im Manga auf allerhand Probleme stoßen, sind die meisten BL-Manga weit davon entfernt, die tatsächliche Situation der Homosexuellen in Japan zu thematisieren. Stattdessen steht eine idealisierte Liebe im Mittelpunkt, die durch ihr „Anders-sein“ losgelöst ist vom allem, was man gemeinhin mit der Liebe zwischen Mann und Frau verbindet. Eine Liebe, die umso stärker und reiner ist, da sie gegen Zwänge, Hindernisse und Verbote ankämpfen muss und allerhand gesellschaftliche, kulturelle und psychologische Hürden zu überwinden hat. Nicht umsonst erklärt Protagonist Koji in ZETSUAI sinngemäß, er würde seinen Freund Takuto auch dann lieben, wenn dieser eine Frau, ein Stein oder ein Außerirdischer wäre. Ähnlich wie die sanften, gefühlsbetonten Männerdarstellungen des besonders bei Frauen beliebten, rein weiblich besetzten Takarazuka-Theaters bieten die Protagonisten der Boys´ Love-Mangas eine Alternative zu der traditionellen, gerade in Japan noch weit verbreiteten Form von Männlichkeit, in der die „Herren der Schöpfung“ noch immer kleine Samurai sein wollen – tapfer, hart und diszipliniert. Auch viele Helden von Boys´ Love-Mangas sind „durch und durch männliche“ Männer – die Sorte, die für die Liebe bisher nur ein beiläufiges Lächeln übrig hatte – die sich aber plötzlich der unbändigen Macht ihrer Gefühle hilflos ausgeliefert finden und damit in eine Rolle und Situation versetzt werden, die traditionell eher den Frau/weiblichen Romanhelden vorbehalten ist. Die Protagonisten setzten sich mit ihren Emotionen auseinander und zeigen diese; lernen, sie zu leben. Auf diese Weise wird mit der Liebesgeschichte auch eine Suche nach der eigenen Identität verbunden, die insbesondere viele jugendliche Leser anspricht. Und der Leserin, die sich mit dem Hauptcharakter identifiziert, bietet sich die Phantasie, unabhängig von den in ihrer Heimatkultur etablierten Verhältnissen zwischen den Geschlechtern einen Mann quasi als Mann (also als 100% gleichgestellte Persönlichkeit) zu lieben.
29.9.07 21:33


-Erotik und Symbole-

Auf den ersten Blick ist diese Erklärung für die Faszination von Boys´ Love schwer zu vereinbaren mit den oftmals sehr drastischen Gewaltszenen und –elementen, die sowohl in den Geschichten als auch in den begleitenden Illustrationen auftauchen. Für diese gibt es verschiedene Erklärungen. Fred SCHODT weist in DREAMLAND JAPAN auf die Tradition des „tanbi mono“ in der japanischen Kunst hin, welche Schönheit und Ästhetik über Moral und Realismus stellt und welcher die Illustrationen eines ZETSUAI oder ANGEL SANCTUARY unzweifelhaft verbunden sind. Helen McCARTHY und Jonathan CLEMENTS geben in ihrem EROTIC ANIME MOVIE GUIDE zu bedenken, dass eine Beziehung von vielen Frauen als eine Form der Fessel empfunden wird (nicht umsonst spricht man von „Liebesbanden“ oder vom „Gebunden-sein“, Wortspiele, die auch in den Titeln von Boys´ Love-Mangas immer wieder auftauchen), und dass die immer wiederkehrenden Motive der Fesseln und der Macht- und Besitzausübung unter diesem Gesichtspunkt symbolisch zu verstehen sind. Nicht zu unterschätzen ist natürlich auch der erotische Aspekt, der Lustgewinn dabei einen „starken“ Charakter plötzlich „schwach“ zu sehen, den eigenen Gefühlen und denen des anderen ausgeliefert. Überhaupt ist die implizite und explizite Erotik ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Faszination des Boys´ Love-Genre. Es ist nicht ungewöhnlich, wie McCARTHY an anderer Stelle schreibt, "dass Frauen sich aus dem gleichen Grunde lieber zwei Männer ansehen, aus dem auch viele Männer gerne zwei Frauen zusammen sehen: Wenn man spass daran hat, attraktive Mitglieder des anderen Geschlechts in erotischen Situationen zu betrachten, hat man so natürlich doppelt so viel zu gucken als bei normaler Erotik." Der Hauptunterschied ist dabei lediglich, dass diese Art von sexuellen Fantasien bei Mädchen/Frauen noch immer oft scheif angesehen wird, während man sie bei Jungs/Männer als selbstverständlich akzeptiert. Wie wichtig dieserAspekt ist, zeigt sich darin, dass auch Serien, die ohne Boys´ Love möglichst viele attraktive Jungs enthalten, beim weiblichen Publikum äußerst beliebt sind (FUSHIGI YUGI; WEI? KREUZ; ST:SEIYA; GUNDAM WING) und mehr als genug Stoff für Boys´ Love- und Yaoi-Dojinshi bieten, während die weiblichen Hauptpersonen nicht selten nicht nur ignoriert, sondern sogar offen gehasst werden. Was allerdings sehr wahrscheinlich auch an deren oft konservatier Charakterisierung (nicht zu intelligent, sehr gefühlsbetont, feminin) liegt, welche die befreienden Elemente des Shonen-Ai nicht nur hemmt, sondern teilweise sogar negiert.
Ein wesentlicher Unterschied zu "normaler" Erotik - ob nun an Männr oder an Frauen gerichtet - ist dabei, dass ein Boys´ Love- oder Yaoi-Manga nicht unterschwellig suggeriert, dass die Leserin - hätte sie die Möglichkeit, in die Geschichte einzusteigen - die gleichgeschlechtlichen Liebhaber sofort zu den Freuden der Heterosexualität bekehren könnte, wie dies z.B. bei Szenen lesbischer Liebe in Erotika für Männer häufig der Fall ist. Natürlich hat das Betrachten der schönen Jungs seinen erotischen Reiz, aber die Phantasie der meisten Boys´ Lover-Leserinnen dreht sich nicht darum, einen der beiden Partner zu "ersetzen" - sie identifizieren sich eher mit den großen Gefühlen, der Schicksalhaftigkeit des Geschehens; träumt vielleicht davon, selbst eine ähnlich gewaltige Liebe zu erleben. Aber deren Größe wird eben auch gerade durch die Tatsache ausgemacht, dass die beiden Liebenden für keinen anderen Menschen - ganz gleich, ob männlich oder weiblich - mehr Interesse haben. Die Leserin wird also fast vollkommen auf die Rolle der mitfiebernden Zuschauerin beschränkt - und in dieser Distanz liegt eine Sicherheit, die Freiheit mit sich bringt: " In diesem Alter (ca. 12-17)," zitiert SCHODT in MANGA!MANGA! winwn Redakteur bei SAN SHUPPAN, " haben die meisten Mädchen hier in Japan noch kaum etwas mit dem anderen Geschlecht zu tun - die Jungs ebensowenig - aber es besteht natürlich eine gewisse Neugier. Liebe zwischen Jungs, vielleicht noch in einem anderen Land oder einer anderen Epoche, ist so vollkommen weit weg von ihrer eigenen Alltagsrealität, dass sie nicht bedrohlich wirkt, aber dennoch wermittelt es eine lebhafte Erfahrung (des Gefühls Liebe an sich). Außerdem finden sie es hübsch (anzusehen)." Die jungen Mädchen können quasi das gesamte Spektrum an Gefühlen und Situationen "ausprobieren", ohne dass darin ein "Risiko" für die eigene Persönlichkeit liegt - etwas, dessen man sich vielleicht schämen müsste oder das einem Angst vor eigenen realen Erfahrungen macht.
29.9.07 21:33


-Boys´ Love ist kein "Schwulenkram"-

Boys´ Love-Genre wird häufig mit Mangas über und für Schwule gleichgesetzt. Doch obwohl es natürlich gemeinsame Elemente und sicher auch eine gewisse Schnittmenge bei den Fans gibt, haben wir es hier mit zwei verschiedenen Genres zu tun, die unterschiedliche Bedürfnisse bei ihren Lesern bedienen. Insbesondere legen sowohl viele Mitglieder der Gay-Community als auch viele Frauen, die Vergnügen an Schwulenpornos haben, Wert auf die Darstellung von Geschlechtsorganen, die aber im Boys´ Love-Anime und -Manga (ähnlich wie im "normalen" Adult-Anime und -Manga) selten direkt gezeigt werden. Statt dessen nutzt man ein geschicktesZeichensystem von Andeutungen und Symbolik, das in der Regel zu sehr ästhetischen, keineswegs pornographischen Darstellungen führt. Während die Freunde von Gay-Erotica die unrealistischen androgyne Körper im Yaoi-Manga kritisieren, legt so mancher Yaoi-Fan gar keinen Wert auf eine realistische Darstellung männlicher ( und oft auch weiblicher) Körper und will erst recht keine detailiert dargestellten Geschlechtsorgane sehen - wie auch aus folgendem bezeichnenden Dialog deutschlich wird, den eine Bekannte auf einer amerikanischen Yaoi-Concention aufschnappte: Mädchen A: Ich wollte ja eigentlich Hardcore-Yaoi sehen, aber....
Mädchen B: Aber es lief doch Hardcore-Yoi!
Mädchen A: Ich weiss, aber mussten sie dabei die Penisse zeigen?
Das war ja wohl sowas von freakig!!
Mädchen B: Iiih, ja, das fand ich auch!
Gerade jüngere Boys´ Love-Fans, die, noch in der Pubertät, mit ihrem eigenen Körper und dessen Entwicklung klarzukommen versuchen, fühlen sich von zu detaillierten Darstellungen oft eher abgstoßen und ziehen die idealisierten Fantasien des Manga vor, denen auch bei expliziten Szenen immer noch eine gewisse "Reinheit" anhaftet.
Während es im Gay-Pornos wie in anderen Pornos auch um die explizite Darstellung an sich geht und um den Kitzel, den diese beim Zuschauer auslöst, stehen im Boys´ Lover-Genre bei aller Deutlichkeit mancher Abbildungen die Gefühle und die Beziehung der Charaktere im Mittelpunkt. Schwulenfilme, die keinen erotischen Inhalt haben, thematisieren in der Regel die Situatin Homosexueller in der Gesellschaft, was das Boys´ Lover-Genre ebenfalls nicht bzw, wenn, dann nur sekundär tut.
Dennoch kann die Bgeisterung für Boys´ Love-Manga in ihren Lesern durchaus auch Interesse für andere homoerotische Werke wekcne - einige begeistern sich vielleicht für androgyne Sänger oder Schauspieler wie die Künstler des japanischen Visual Kei oder David BOWIE; andere für Realfilme oder die Werke homosexueller Schriftsteller, vor allem aber wird für sie die Vorstellung gleichgeschlechtlicher Liebe zu etwas Alltäglichem. Obwohl der Boys´ Love-Manga also nicht explizit darauf ausgelegt ist, die oftmals noch problemematische Situation von Homosexuellen zu thematisieren, trägt das Genre so mittelbar dennoch zu einer wachsenden Akzeptanz bei - man muss ja nicht gleich ins andere Extrem verfallen wie die berüchtigten weiblichen Boys´ Love-Fans, die beim Anblick eines Paares in der Fußgänger-zone in hysterische Ausbrüche verfielen: "Kuck mal! Schwule! Wie süüüüß!" (zwinker)
29.9.07 21:32


-Das Wir-Gefühl-

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt der Beliebtheit von Boys´ Love, Yaoi und Yuri ist natürlich das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Fans und das Gefühl, etwas Besonderes für sich endeckt zu haben. Wo reguläre Mangas inzwischen schon Mainstream geworden sind, gehört man als Fan dieser Genres noch einer vergleichsweise Minderheit an, einer relativ überschaubaren Gemeinschaft innerhalb der immer unüberschaubarer werdenden Anime-Szene. Als interessanteste Mangas gelten natürlich nicht die, die bereits auf dem deutschen Markt erschienen sind. und die jeder lesen kann, sondern die Geheimtips, die von einem Insider zum anderen weitergegeben werden, bei denen man erst mal wissen muss, wie man drankommt, wo man- vielleicht - eine Übersetzung fundet. Durch das eigene Verfassung von Fan Fictionen und Dojinshi und den Austausch dieser - wie alles, bei dem Träume, Liebe und Erotik ins Spiel kommen - sehr persönlichen Werke, wird das einzigartige Besonderheitsgefühl in Boys´ Love-Fankreisen noch weiter intensiviert.
29.9.07 21:31


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