Valentina

Von jener gilt ein zartes, feminines Aussehen in Japan als ein männliches Schönheitsideal, dem heute u.a. viele Musiker der Visual Kei-Szene nacheifern. Das Konzept läßt sich mindestens bis ins frühe 11.Jahrhundert zurückverfolgern: Im GENJI MONOGATARI der Hofdame Murasaki SHIKIBU ("Geschichte vom Prinzen Genji", ca. 1010), einem der berühmtestens Werke der japanischen Literatur, heisst es von dessen Helden, der reihenweise die FRauenherzen bricht, er sei "schön wie eine FRau". Auch in der späteren SAmurai-Literatur findet man immer wieder Hinweise auf junge, wunderschöne Kriege, die als furchtlose und formidable Kämpfer gerühmt werden. Liebe war oft Bestandteil der Beziehung zwischen einem jungen Samurai und seinem Meister, wobei es sich in der idealisierten Form um eine leidenschaftliche, aber hoffnungslose Liebe seitens des Älteren ohne geschlechtlichen Kontakt handel - aber wie das mit idealisierten Konzepten so ist, die Realität sah oft anders aus: Jesuitenpriester, die im 16Jahrhundert Japan bereisten, berichteten entrüstet von dem "schamlosen" Verhalten der Japaner. Die attraktiven, leicht feminin gestalteten " Bishonen" (schöne Jungs) und "Biseinen" (schöne Männer), die sowohl im Shojo- als auch im Shonen-Manga auftauchen, sind also sozusagen ein klassiches japanischess Kulturgut. Dadurch werden allerdings homoerotische Liebesgeschichten zwischen diesen schönen Jungs und Männer immer noch nicht zum naheliegendsten Thema für an jungen Mädchen gerichtete Comics.

Zur Entstehung des Boys´ Love-Genre hat sicherlich die Stimmung das Ihre beigetragen, die in den 1970erJahren in fast allen Industrieländern herrschte - nah der sexuellen Revolution der späten 60er lag Sex allgemein damals irgendwie "in der Luft"; die Populärkultur ging wesentlich offener mit dem Thema Erotik um. Der massive gesellschaftliche Wandel, der damals stattfand, und die Rebellion gegen die als überholt betrachteten "gutbürgerlichen" gesellschaftlichen Konventionen zeigten sich auch in einem Aufbrechen der konventionellen Bilder von "Mann" und "Frau". So verschieben sie alle ein gewisses Verschwimmen der Geschlechter-grenzen gemeinsam: Von den busenlosen TWIGGY-Mädels mit Bubikopf über die Blumenkinder in ihren jeglichen Geschlechterformen verhüllenden Wallegewändern bis zu denn Schrill aufgemachten Glam-Rock.Star wie David Bowie oder Queen (in gewisser Weise die Vorläufer der modernen Visual-Bands).

Parallel zu denn Veränderungen in der Gesellschaft fand in den 70er Jahren auch im Shojo-Manga eine stilistische und inhaltliche Revolution statt: Waren bisher fast nur süßliche 08/15-Liebesgeschichten von Männer unter weiblichem Pseudonym gezeichnet worden, kamen jetzt immer mehr Frauen, die mit Mangas aufgewachsen waren in die Industrie und brachten neue Themen und völlig neue Stilelemente mit. Riyoko IKEDAs Die Rosen von Versailles (1972-73), inspiriert von Osamu TEZUKAs RIBON NO KISHI von 1953 (" Der Ritter mit der Schleife", bei uns bekannt in der Anime-Adaption von 1967 als CHOPPY UND DIE PRINZESSIN), prägte eine ganze Generation und markiert einen der wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung des Shojo-Manga. Im Mittelpunkt dieses historischen Abenteuers steiht eine junge Frau, die als Junge mit dem Namen Oscar aufgezogen wird und als Gardekapitän Marie Antoinettes in die Wirren der französischen Revolution verwickelt wird. Die androgyne Ascar gewinnt dabei die Herzen sowohl von Männern als auch von Frauen, bleibt allerdings eindeutig heterosexuell.

Ein anderer Vorläufer des Boys´ Love-Genres ist Moto HADIOS 1971 lerschienenes JUIHIGATSU NO GYMNASIUM (" November --gymnasium"), angesiedelt an einem Internat für Jungen (denen man ja auch in der Realität gern nachsagt, sie seien eine "Brutstätte" für homosexueele Begegnungen) - der erste Shojo-Manga, der ausschließlich männliche Charaktere aufweist.
Den wirklichen Anfang des Genres makiert allerdings 1976 Keiko TAKEMIYAs KAZE TO KI NO UTA ("Ein Lied von Wind und Bäume") - der erste Manga, der Liebe (einschließlich Geschlechtsverkehr) zwischen attraktiven jungen Männern behandelte. Der erste - aber nicht lande der einzige: Zahlreiche andere Mangaka griffen das Motiv auf, sei es offen oder auch nur Subtil in der Atmosphäre ihrer Werke. Der Begriff Shonen Ai - zu Anhfang im Westen allgemein für Boy´s Love-Mangas verwendet, inzwischen nur noch selten in Gebrauch - wird in Japan eher auf diese Art von Internatsgeschichten bezogen.

Zu dieser Zeit kam auch allmählich die Dojinshi-Szene auf (dojinshi bedeutet ungefähr "von Gleichgesinnten für Gleichgesinnte"): FAns begannen ihre eigenen Mangas zu zeichnen und in geringer Auflage kopiert oder gedruckt zu verbreiten - teilweise mit eigenen Geschichten, meist aber mit selbsterdachten Episoden zu bekannten Serien. Natürlich standen bei den von Mädchen gezeichneten Dojinsgi - wie im Shojo-Manga allgemein - oft attraktive, androgyne junge Männer im Mittelpunkt, die nicht immer, aber immer öfter auch Liebesgeschichten miteinander erlebten. Solch wachsende Trends werden immer gerne von der Industrie aufgegriffen, und so kam es, dass ein gewisser Toshihiko SAGAWA im SUN SHUPPEN-Verlag den Vorschlag machte, ein Magazin für diese Art Geschichten herauszubringen. 1978 erschien dfie erste Ausgabe von JUNE (dschuneh gesprochen) - mit Mangas und Kurzgeschichten von Newcomern aus der Dojinshi-Szene und der stetig wachsenden Boys´Love-Fan-Gemeinde, die ja auch die Käuferschicht des Hefters darstellte: Es war quasi ein offiziell veriegtes Underground-Magazin von Fans für Fans. Das Konzept ging auf - mehrere weitere JUNE-Publikationen folgten (z.B. mit Romanen oder mit mit härteren Stories für ein älteres Publikum) und noch heute ist "June" in Japan ein gebräuchliches Synonym für "Boys´ Love".
Der Trend hielt sich in die zweite Hälfte der 80er Jahre. Dann war die erste Boys´ Love-Welle in Japan zwar weitgehend abgeebbt - das Genre hatte sich allerdings inb einer bescheidenen, aber stabilen Marktnische etabliert, die es heute noch beherrscht.

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